Das Schlimmste können wir noch verhindern

Professor Michael Rosenberger gestaltete den Sozialethischen Workshop de KKV Bayern
„Das Klimathema liegt bei uns seit über 30 Jahren auf dem Tisch, aber die Verantwortlichen haben es verdrängt. Doch uns muss klar sein, dass wir uns nicht noch einmal so viel Zeit nehmen können“, betont Prof. Michael Rosenberger. Anhand von neun so genannten planetarischen Grenzen – die vom Frischwasserverbrauch über das Ozonschild bis zur Biodiversität reichen – erklärt er, dass sich die Erde in drei Feldern bereits „im roten Bereich“ befinde.„Der Weg zur ökologischen Wende“ ist der Sozialethische Workshop 2023 des KKV Bayern überschrieben.
Der stellvertretende Vorsitzende des KKV-Bildungswerks Bayern, Klaus-Dieter Engelhardt, kann 14 Teilnehmende im KKV Hansa Haus in München begrüßen. Sie freuen sich auf die Impulse des Linzer Moraltheologen. Michael Rosenberger, der verschiedenen Ethikkomitees im Bereich der Politik sowie der Wirtschaft angehört, beeindruckt die Runde durch seinen allgemein verständlichen und motivierenden Vortragsstil.
Globale Kooperation bewegt etwas
Die Grenzen der Belastbarkeit überschritten sind im Sektor Mikroplastik-Partikel in Gewässern, der Überdüngung durch Phosphor und auch im Bereich der Vielfalt der Lebensformen, die bedrohlich abgenommen habe. Andererseits habe sich die Situation der Ozonschicht gegenüber den 1980-er Jahren durch entschlossenes internationales Handeln deutlich verbessert. „Wenn wir auf globaler Ebene zusammenarbeiten, dann geht etwas. Wir können das Schlimmste noch verhindern, wenn wir unser Verhalten sofort und entschieden ändern“, betont Michael Rosenberger.
Doch der Klimawandel sei da, mit einer Reihe negativer Folgen für die Menschen etwa im Bereich der Ernährung und der Wasserversorgung, der zu erwartenden Schäden durch Fluten und Stürme und der Stromversorgung im Sommer, wenn immer mehr Flüsse zu wenig Wasser führten, damit Elektrizitätswerke eine ausreichende Leistung bringen könnten.
„Im Benediktinerstift Kremsmünster gibt es seit dem Jahr 1768 tägliche Wetteraufzeichnungen. Anhand dieser Daten können wir sehen, dass es seit damals bereits eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um 2 Grad Celsius gegeben hat. Der Klimawandel ist eine Tatsache“, mahnt Rosenberger. Allerdings könne die Menschheit durch konsequentes Handeln noch den so genannten Kipp-Punkt verhindern, der das Leben aller bedrohe. „Wenn es nur ein ‚weiter so‘ gibt, haben wir im Jahr 2050 dann 500 Millionen Umweltflüchtlinge. Solche Migrationsbewegungen würden auch unsere Gesellschaft überfordern.“ Dabei seien es die Industrieländer, die 80 Prozent der weltweit verbrauchten Ressourcen benötigten und dadurch erst den dramatischen Wandel verursachten. Dies betont Rosenberger im Blick auf rechte Politiker, die die Ursache dafür in der Geburtenrate der Länder des Südens sehen.
Änderungen gehen nur „über den Geldbeutel“
Michael Rosenberger warnt und ermutigt zugleich: Die Menschen hätten bewiesen, dass sie zu erfolgreichen Verhaltensänderungen in der Lage seien, etwa im Bereich der CO2-Ersparnis oder auch bei der Verringerung des Energieverbrauchs. Allerdings sei kluge Politik nötig, damit durch den so genannten Rebound-Effekt die Einsparungen nicht wieder aufgehoben würden. „Einerseits gelingt es uns, dass Autos heute weniger Kraftstoff verbrauchen, dafür sind sie aber viel größer geworden, was den Effekt aufhebt. Dasselbe sehen wir bei der Dämmung von Gebäuden: wir können durch bessere Dämmung beim Heizen viel sparen, dafür heizen wir nun alle Räume“, gibt Rosenberger zu bedenken. Die Steuerung des menschlichen Verhaltens sei seiner Erfahrung nach nur „über den Geldbeutel“ möglich, allein Appelle an die Vernunft seien nicht ausreichend.
Emissionszertifikate und Ökosteuern seien prinzipiell probate Wege zur Steuerung nachhaltigen Handelns, so Rosenberger. Allerdings müssten alle Wirtschaftsbereiche erfasst werden – die Industrie, der Verkehr, die Landwirtschaft sowie die privaten Haushalte – und es dürfe keine Gratis-Zertifikate mehr geben. Im Gegenzug müssten die Abgaben auf den Faktor Arbeit gesenkt werden. Außerdem bräuchten Unternehmen eine mittelfristige Berechenbarkeit ihrer Investitionsentscheidungen, denn die Politik denke meist nur in der Dauer von Wahlzyklen.
Laudato si‘ als Ermutigung zum bewussten Lebensstil
Einen breiten Raum bekommt beim sozialethischen Seminar auch die Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus. Michael Rosenberger zitiert Schlüsselstellen daraus und verdeutlicht, wie die vom Oberhaupt der Kirche geforderte „mutige, kulturelle Revolution“ (LS 114) und die „tiefgreifende innere Umkehr“ (LS 217) erreicht werden können. Der aktuell gepflegte Lebensstil in den Industrieländern sei nicht haltbar. „Es geht nur gemeinschaftlich und ganzheitlich“, betont Professor Rosenberger. Insgesamt sei weniger mehr. Wer weniger benötige, könne doch erfüllt leben.
Ausführliche Diskussionen und der gezielte Einsatz von „Murmelrunden“ sorgen dafür, dass jede und jeder zu Wort kommt.