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Der erhobene Zeigefinger hilft nicht weiter

Thomas Michalski
Datum:
Veröffentlicht: 29.1.23
Von:
Gabriele Riffert

Leidenschaftliche Diskussion zum Thema „Hat die Kirche ein falsches Bild von der Wirtschaft?“

Digitale Vortragsformate mit integrierter Diskussion sind mittlerweile gerne angenommene Veranstaltungen beim KKV. Zum Thema „Hat die Kirche ein falsches Bild von der Wirtschaft?“ versammeln sich am 26. Januar ab 19 Uhr zwölf Interessierte aus verschiedenen deutschen Städten. Ein falsches Bild der Wirtschaft habe, wer sich nicht der Mühe einer sachlichen und ehrlichen Betrachtung unterziehe und einen offenen Dialog scheue, sagt Thomas Michalski vom KKV Hildesheim in seinem Einführungsimpuls. Er plädiert dafür, dass Kirche das in katholischen Sozialverbänden gebündelte Expertenwissen besser nutzt. Es gebe zahlreiche Katholikinnen und Katholiken mit hoher wirtschaftlicher Fachkompetenz, die in verschiedenen kirchlichen Gremien ehrenamtlich mitarbeiteten. Sie lieferten fundierte Beiträge und weckten das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge.

Digitale Vortragsformate mit integrierter Diskussion sind mittlerweile gerne angenommene Veranstaltungen beim KKV. Zum Thema „Hat die Kirche ein falsches Bild von der Wirtschaft?“ versammeln sich am 26. Januar ab 19 Uhr zwölf Interessierte aus verschiedenen deutschen Städten. Nach der Begrüßung durch den KKV-Landesvorsitzenden Dr. Klaus-Stefan Krieger führt Thomas Michalski vom KKV Hildesheim in die Thematik ein. „Soziale Marktwirtschaft ist nicht gleich Kapitalismus“, wendet sich der Referent gleich eingangs gegen die Verwendung von Schlagwörtern, die einer differenzierten Auseinandersetzung nicht gerecht würden. Ein falsches Bild der Wirtschaft habe, wer sich nicht der Mühe einer sachlichen und ehrlichen Betrachtung unterziehe und einen offenen Dialog scheue.

Anhand verschiedener Schaubilder erklärt Thomas Michalski, dass die Industrialisierung und die Marktwirtschaft enorm zur Verbesserung der Lebensbedingen beigetragen haben. Während im Jahr 1800 rund 85 Prozent der Menschheit in extremer Armut gelebt hätten, seien dies 2017 nur noch 9 Prozent gewesen. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung habe sich von 31 Jahren im Jahr 1800 auf 72 Jahre im Jahr 2017 erhöht. Während um 1800 fast die Hälfte aller Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahres starben, war dies 2017 nur noch bei vier Prozent aller Kinder weltweit der Fall. Zugleich sei die Zahl der weltweit durchschnittlichen Geburten pro Frau von sechs Kindern auf 2,5 Kinder in der Gegenwart zurückgegangen. „Wenn Sie sich vorstellen, dass eine Frau um 1800 in durchschnittlich 31 Lebensjahren sechs Kinder zur Welt gebracht hat und wenn man das mit der Gegenwart vergleicht, dann sieht man, wie positiv sich die wirtschaftliche Entwicklung für uns alle auswirkt“, so Michalski.

In Sozialverbänden gebündeltes Expertenwissen

Geld sei für sich betrachtet „erst einmal eine großartige Erfindung und ein mächtiges Werkzeug“, erklärt der Referent. Aber es könne – wie jedes Werkzeug – auch missbraucht werden. Deshalb sei in der Wirtschaft ein ethisch verantwortungsbewusster Umgang mit Menschen und Produktivkapital erforderlich. Die katholische Soziallehre biete dazu viele gute Impulse. Allerdings seien ihre Inhalte noch zu wenig bekannt. Außerdem müsse sie „weitergedacht“ und in die Breite vermittelt werden. Ein „erhobener Zeigefinger“, den Theologen mitunter bemühten, wenn sie Wünsche an die Wirtschaft äußerten, sei kontraproduktiv. Als positiv bewertet Thomas Michalski das in katholischen Sozialverbänden gebündelte Expertenwissen. Es gebe zahlreiche Katholikinnen und Katholiken mit hoher wirtschaftlicher Fachkompetenz, die in verschiedenen kirchlichen Gremien ehrenamtlich mitarbeiteten. Sie lieferten fundierte Beiträge und weckten das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge.

Nicht zuletzt sei die Kirche Teil der Wirtschaft. Die Amtskirche agiere als Arbeitgeber oder Immobilienbesitzer. Aber auch jeder einzelne sei nach seinen Möglichkeiten wirtschaftlich aktiv. „20 Millionen Katholiken in Deutschland besitzen eine erhebliche Marktmacht“, betont Michalski. Sie könnten sich beispielsweise bewusst für Produkte aus fairem Handel einsetzen oder für Energie aus nachhaltigen Quellen.

In der anschließenden Diskussion werden verschiedene Themen aufgegriffen: Wie eine brauchbare „Option für die Armen“ hier zu Lande aussehen könne, ob die Kirche wirklich ein eigenes Arbeitsrecht brauche, weshalb Arbeitskraft von Mitarbeitenden durch eine schlechte IT-Unterstützung verschwendet werde, weshalb Ordinariate auf teure Beraterfirmen ohne echte Kirchenkenntnis zurückgriffen, wie die gemeinnützige Organisation Oikokredit arbeite (www.oikokredit.de) und noch einige mehr. Der Abend dauert etwas länger als offiziell geplant, er gestaltet sich interessant und ist zudem auf konstruktive Weise leidenschaftlich.

Fazit: So macht Erwachsenenbildung Spaß. Gut, dass der nächste Termin schon feststeht: "Worum geht es im Ukraine-Krieg?" am Freitag, 03. Februar 2023, von 19:00 bis 20:30 Uhr mit Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Direktor des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg. Anmeldung in der KKV-Geschäftsstelle: landesverband@kkv-bayern.de