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Die Idee einer russischen Weltherrschaft

Datum:
Veröffentlicht: 26.6.23
Von:
Klaus-Stefan Krieger

Slawistik-Professor referierte beim KKV Erlangen über Hintergründe des Ukraine-Krieges

Gerade auch die weltanschaulichen Hintergründe von Russlands Krieg gegen die Ukraine beleuchtete Prof. em. Dr. Diether Götz in seinem Vortrag beim KKV Erlangen im Pfarrzentrum St. Sebald. Dabei zog er die Linie zurück bis ins 15. Jahrhundert.

Bereits im Juni 2021, so führte Götz aus, habe Russlands Präsident Wladimir Putin der Ukraine das Recht auf einen eigenen Staat und eine eigene Sprache und Kultur abgesprochen. Doch liege diese Anmaßung allein in der Person des Diktators begründet? Dieser Annahme widersprach der Referent mit Hinweis auf eine theologische Tradition.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 sei in der russischen Orthodoxie, zunächst vertreten durch den angesehenen Mönch Filofei (1465–1542), die Theorie des 3. Rom entstanden. Als Erbe Byzanz‘ sei Moskau der Hort der Rechtgläubigkeit und dazu bestimmt, die Christenheit, ja die Welt zu beherrschen. Im 19. Jahrhundert habe eine dünne Schicht der Intelligenz – Beamte und Adelige – diese theologische Idee säkularisiert. Die Slawophilen oder Altrussen propagierten einen Wiederaufstieg Russlands durch Rückbesinnung auf russische Traditionen. Sie standen in scharfem Gegensatz zu den „Westlern“, die eine Übernahme westeuropäischer Philosophie, Technologie und Regierungsformen forderten.

Die Ideologie der Slawophilen habe sich fortgesetzt etwa bei dem Philosophen Iwan Iljin (1883-1954), der den Westen für verkommen und russische Werte für überlegen gehalten habe. Demokratie habe er für schädlich für Russland gehalten und eine autoritäre Herrschaft gefordert. Heute sei etwa der Politologe Alexander Dugin (geboren 1962) zu nennen, der ein Eurasien unter russischer Führung propagiere und offen zu militärischen Eroberungen rate. Sowohl Iljin als auch Dugin bezeichnete Götz als „Ideengeber Putins“. Ziel dieser Ideologie sei die Russki Mir, ein russisches Imperium von Wladiwostok bis Lissabon.

Im Anschluss an den wohltuend sachlichen Vortrag des emeritierten Slawisten der Universität Würzburg entbrannte eine heftige Diskussion – vor allem da ein Teilnehmer die Schuld am Ukraine-Krieg hartnäckig den USA zuschieben wollte. Dem widersprachen andere Zuhörer sehr deutlich – auch mit dem Hinweis, dass man in den Staaten des Westens selbst die abstrusesten Anschuldigungen frei äußern könne, während in Russland auch nur leise Kritik an der Regierung mit Straflager und Haft geahndet würden.