Ein verpflichtendes soziales Dienstjahr?

Kontroverse Videodiskussion: Experte vom Landes-Caritasverband plädiert für Freiwilligkeit
Wäre ein so genanntes „Pflichtjahr“ gut für die Gesellschaft in Deutschland und für die Menschen? Könnte es gar einen Beitrag dazu leisten, dass die sozialen Berufe für junge Leute wieder attraktiver würden? Oder würde die Idee nur dazu führen, dass diejenigen, die sich ohnehin für das Gemeinwesen engagieren – etwa Frauen, die Kinder gebären, oder pflegende Familienangehörige – über Gebühr belastet werden? Solche Fragen wurden beim Pro & Contra des KKV Bayern am 15. November digital diskutiert. Landesvorsitzender Klaus-Stefan Krieger hatte dazu Michael Kroll vom Landes-Caritasverband als Experten gewonnen, der bei der Caritas unter anderem für das Thema Freiwilligendienste zuständig ist. Das war hilfreich, denn Michael Kroll konnte mit einer Reihe von Fakten aufwarten, die das Gespräch qualitativ auf eine gute Grundlage hoben.
Heute mehr Freiwillige als früher Zivis
Wer etwa gedacht hatte, dass die Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland 2011 und der damit ebenfalls ausgesetzte Zivildienst heute zu einer Abnahme von Freiwilligendiensten im sozialen Bereich geführt hätte, der irrt. „2008 gab es 65.000 Zivildienstleistende in Deutschland, dazu kamen 25.000 junge Leute, die dort ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert haben. Das waren zusammen 90.000 Personen“, erklärt Michael Kroll. „Im Jahr 2019 waren 100.000 Freiwillige längerfristig im sozialen Bereich aktiv. Das sind 10.000 Menschen mehr als zu Zeiten, als es noch den Zivildienst gab.“ Diese Zahlen sorgten für Erstaunen unter den Zugeschalteten.
Wichtig für Dienste im sozialen Bereich sei die Haltung der dort Beschäftigten. Michael Kroll gab zu bedenken, dass die Motivation von Menschen, die womöglich zum sozialen Dienst verpflichtet würden, leiden könnte. Schließlich habe nicht jeder Mensch das Talent, sich gut um andere zu kümmern. „Ich vertrete daher die klare Linie der Wohlfahrtsverbände: Freiwilligendienste ja, Verpflichtung nein“, betonte Michael Kroll.
Wenigstens verpflichtende Sozialpraktika?
In der Runde stieß er damit auf positive Resonanz. Doch manche setzen weiter darauf, dass eine verpflichtende Dienstzeit gut für die Gesellschaft wäre. Ein Diskutant wünschte sich etwa, dass pro erwartetem Lebensjahr eine Woche Pflichtdienst geleistet werden müsse. Andere setzen eher auf kürzere Pflichtpraktika. Klaus-Dieter Engelhardt erinnerte sich beispielsweise daran, dass seine Tochter nach einem Sozialpraktikum das Studium der Sonderpädagogik für sich entdeckt habe. „Das war ihre Initialzündung, sonst wäre sie nicht darauf gekommen“, so der stellvertretende BWB-Vorsitzende. Er plädierte deshalb für verpflichtende Sozialpraktika in allen Schultypen.
Auch über eine Ausweitung der Stellenzahlen für längerfristige Freiwilligendienste wurde diskutiert. Manche Ältere wollten sich vor einem biografischen Lebensabschnittswechsel für ein Jahr sozial engagieren, hätten aber oft falsche Vorstellungen davon, was dies im Alltag bedeute. Michael Kroll gab zu bedenken, dass die über 27-Jährigen aktuell nur eine kleine Minderheit unter denen seien, die Bundesfreiwilligendienst leisteten.
Nach 90 Minuten endet die digitale Veranstaltung. Klaus-Stefan Krieger dankte Kroll für seine Expertise und allen Interessierten fürs Dabeisein. Der KKV Bayern wird am Thema dranbleiben.