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Gesellschaft hat mehr Nachdenklichkeit nötig

Datum:
Veröffentlicht: 12.10.12
Von:
Klaus-Stefan Krieger

Buß- und Bettag soll wieder gesetzlicher Feiertag werden

Der folgende Text erschien - leicht gekürzt - in der Bayerischen Staatszeitung:

Unsere Gesellschaft hätte Nachdenklichkeit bitter nötig. Die Banken- und Schuldenkrise hat – neben den ökonomischen Ursachen – eine Wurzel im Verhalten der Menschen. Gier und der Traum vom schnellen Geld machten die Spekulationsblase ebenso möglich wie die Skrupellosigkeit und kriminelle Energie jener, die ihren Kunden ‚Schrottpapiere’ andrehten. Die Schuldenmacherei der Staaten findet ihre Entsprechung in der Überschuldung privater Haushalte.

Reue und Buße sind vergessene Vokabeln. Dabei müsste jedem klar sein, dass man Fehler nur dann nicht wiederholt, wenn man sich seine Fehlhaltungen bewusst macht. Der Buß- und Bettag böte dafür den Rahmen. Und dazu müsste er wieder gesetzlicher Feiertag sein. Denn es geht ja nicht allein um persönliche Gewissenserforschung, sondern auch um ein gesellschaftliches Umdenken. An diesem Tag könnte es Thema sein.

Der Buß- und Bettag wurde als Feiertag gestrichen, um die Pflegeversicherung zu finanzieren. Sie erbringt längst nicht mehr die vorgesehene Leistung. In den Altenheimen sind heute wieder 40 % der Bewohner auf Sozialhilfe angewiesen. Drei Viertel der ambulanten Pflegedienste sind defizitär. Dass Arbeitsnehmer auf einen Feiertag verzichten, während die Kassen den Pflegebedürftigen kostendeckende Leistungsentgelte verweigern, ist absurd. Zumal die Herausforderungen in der Pflege (Demenz!) alle Bürger schultern müssten – steuerfinanziert.

1995 wurde ein besinnlicher Feiertag geopfert. Wie die Vorstöße, stille Tage wie Karfreitag zurückzudrängen, entspricht dies dem Trend zu einer oberflächlichen Eventkultur, die sich über tiefere Fragen des Menschseins hinwegmogelt. Dabei zeigen etwa psychische Erkrankungen (laut AOK plus 120 % seit 1994), wie sehr wir Auszeiten von Hektik und Stress nötig hätten. Der Wechsel von Arbeit und Muße gelingt aber immer weniger, wenn sich jeder einzelne diese Struktur selber schaffen muss. Wir brauchen dafür einen gesellschaftlichen Rahmen und gesetzlich geschützte Tage des Innehaltens. Und dafür fehlt uns – als Kontrapunkt zu frohen Festen wie Weihnachten und Ostern – eben der Buß- und Bettag.