Raus aus der Ohnmacht!

Der Psychotherapeut Dr. Georg Beirer zu Gast beim KKV Erlangen
Eine Alltagserfahrung: Situationen und/oder Menschen scheinbar machtlos ausgeliefert sein, sich schwach, klein und unverstanden fühlen. „Die eigene Unfähigkeit, sich gegen Angriffe zu wehren, sich zu verteidigen oder zu rechtfertigen“, so definiert der Moraltheologe Dr. Georg Beirer den Ohnmachtsbegriff. Bei einer Kooperationsveranstaltung zwischen KKV und KEB Erlangen ging der Referent insbesondere auf den Umgang mit diesem eher unbeliebten Gefühl ein.
„Ich kann nichts beeinflussen, nichts in Bewegung setzen, durch meinen Willen nicht erreichen, dass irgendetwas in der Außenwelt oder in mir selbst sich ändert“, konkretisiert Georg Beirer das Wirken der Ohnmacht. Und zählt Szenarien auf, in denen das Leben außer Kontrolle geraten könne, nicht selten aussichts- und sinnlos erscheine – wie bei schwerer Krankheit, nach einem Unfall, bei Tod und Schuld. „Wenn ich in solchen Situationen all meine Kraft in die Ohnmacht stecke, wird es ein schwieriger und langwieriger Weg“, erläutert Beirer, der solche Umstände häufig auch von Lähmung, Selbstzweifeln und -mitleid sowie Handlungsunfähig- und Antriebslosigkeit, Depression und Einsamkeit begleitet sieht. Als Experte mit eigener Praxis für Therapeutische Theologie, pastorale Supervision und geistliche Begleitung in Bischberg bei Bamberg empfiehlt Beirer einen offensiven Umgang sowie Reflexion. „Die meisten drehen kurz vorher ab, wagen sich nicht richtig hinein in die Ohnmacht, weil wir dieses negative Gefühl scheuen“, sagt er. „Dabei sind die Mächtigen nur mächtig, weil wir ihnen die Macht überlassen.“ Der Ohnmacht zu erliegen stehe die Fähigkeit gegenüber, wertvolle Kompetenzen zu erlangen. „Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch sich ändern kann“, sagt Georg Beirer optimistisch. „Wir sind noch lange nicht am Ende unserer Möglichkeiten“, ist der 70-Jährige überzeugt. „Wir haben viele Ressourcen und sollten uns immer wieder fragen, was im Leben unsere Energie wirklich braucht und welches die Werte sind, nach denen wir leben (wollen).“ Die positive Seite der Ohnmacht liegt für ihn klar in der Einladung, einer Sache auf den Grund zu gehen: „Erst, wenn ich dahinter schaue und die Zusammenhänge verstehe, merke, dass etwa Ärger und Wut sinnlose Gefühle sind, gelingt es mir, mich erfolgreich aus einer Ohnmachtssituation zu befreien“, so Beirer.
Ungesund im Dauerzustand, wie beispielsweise bei Burnout, sei die Ohnmacht nicht zuletzt ein deutliches Signal: „Sie sagt uns: Stopp, so geht es nicht weiter.“ Diese Chance gelte es zu begreifen: „Die Ohnmacht kann uns zur Wandlung verhelfen“, erklärt Beirer. Er weiß: Nicht wenigen Menschen fehlten, etwa aufgrund bestimmter Kindheits- oder Lebenserfahrungen sowie biographischer Erlebnisse, Grundkompetenzen wie zum Beispiel die Fähigkeit, nein zu sagen oder in den Widerspruch zu gehen. Statt dessen warteten manche auf ein Wunder. Die Zeit heile eben nicht alle Wunden, findet der Vater von zwei Kindern, für den auch Vergebung eine wichtige Rolle spielt. „Mit Abwarten allein kommen wir nicht weiter, zu sehr gewöhnen wir uns an manche Mechanismen“, warnt Beirer. So sei auch das Vergessen keine effektive Form der Aufarbeitung. Ebenfalls bedenkenswert: „Ich bin nicht der Knecht meiner Biographie“, betont Beirer. Er rät zudem davon ab, die Wirklichkeit zu verleugnen oder in Aktivismus zu verfallen. „Es hilft nichts“, motiviert der Theologe, „wir müssen an das Problem ran und uns mit unserer eigenen Abgründigkeit auseinander setzen.“
Zur Konfrontation mit der Wirklichkeit gehöre neben dem Aushalten der Ohnmacht auch der damit verbundene Schmerz. Dieser Prozess setze die so unerlässliche Veränderung in Gang, die letztlich aus der Ohnmacht befreien könne. „Plötzlich merke ich, dass ich auch anders denken kann“, fasst Beirer das Ergebnis zusammen. „Das hat Auswirkungen auf mein Handeln“, sagt er. „Den Anderen frei geben, um selbst frei zu werden. So entzieht man sich nicht nur der Fremdbestimmung, sondern merkt auch, dass man viel mehr kann, als man glaubt zu können. Langfristig lässt sich so Kraft für mich selbst gewinnen.“